Post aus Schwallistan

Bemerkungen und Analysen zu den schriftlichen Ergüssen des Herrn Franz-Josef Wagner aus der Bild-Zeitung.

Montag, Juni 13, 2005

- Lieber Oskar Lafontaine -

Herr W. schreibt:

Lieber Oskar Lafontaine,
wenn Ihr Programm Rache ist, dann ist Ihr Programm klein. Natürlich sitzt Ihnen Schröder wie eine Fischgräte im Hals. Vor sieben Jahren haben Sie als SPD-Chef die Kohl-CDU besiegt und Schröder zum Kanzler gemacht – und dann haben Sie hingeschmissen, weil Schröder sich angeblich nicht mehr an die politischen Absprachen hielt.

Seit sechs Jahren sprechen Sie nicht miteinander. In Interviews tut Schröder so, als ob Sie sich beide gar nicht kennen. Ich meine, daß es das ehrlichste wäre, wenn Sie sich beide auf einer Waldlichtung in die Schnauze hauen. Ohne Presse, ohne BILD, ohne TV. Mann gegen Mann. Ganz allein.

Klar. Auf die Schnauze hauen. Das bringt was und löst Probleme. Sehr intelligent.

Während sich unsere beiden Helden prügeln, könnten wir das beste Wahlprogramm der Linken schreiben: Verzeihen ist die beste Rache.

Was das Verzeihen hingegen angeht da geb ich ihm Recht.

Herzlichst,

Ihr kaltes, klares Wasser

Freitag, Juni 10, 2005

- Lieber Jürgen Klinsmann -

Herr W. schreibt:

Lieber Jürgen Klinsmann,
vor dem Confederations Cup, dem ersten ernsten Test vor der WM, düsen Sie mal schnell nach Kalifornien. 22 Stunden sitzen Sie im Flugzeug, am Sonntag müssen Sie wieder zurück sein. Sie haben einen Tag mit Ihrer Familie. Ich gebe Ihnen völlig recht, daß ein Tag mit der Familie wichtiger ist als Fußball. Die Kids wollen den Papa haben, ihn anfassen, riechen. Am liebsten haben die Kids, wenn der Papa sie hochwirft und sie auffängt. Dann kreischen sie vor Glück.


Ich frage mich wirklich: Warum sind Sie Bundestrainer geworden? Warum fliegen Sie alle zwei Wochen nach Deutschland und zurück? Warum verlassen Sie Ihr kalifornisches Glück, die Palmen, die Sonne?


Ich denke, daß Sie zerrissen sind wie wir alle. Sie wissen nicht, wo das Glück ist. Ganz, ganz ehrlich hätte ich schon gerne einen Bundestrainer, der weiß, wo das Glück ist.

So langsam fang ich an mir Sorgen um Herrn W. zu machen. Seine Briefe sind in den letzten Tagen so rational, so normal. Weder kitschig, noch pathetisch, noch lüstern. Schade. Ich glaub er will diese Seite hier sabotieren ;)

Herzlichst,

Ihr kaltes, klares Wasser

Donnerstag, Juni 09, 2005

- Liebe Frau Merkel -

Herr W. schreibt:

Liebe Frau Merkel,
eigentlich können Sie jetzt in den Urlaub fahren. Sie haben den Job ja schon. Die SPD erledigt sich gerade selbst bzw. Ihre Arbeit.

Das stimmt. Und das auch nicht erst seit kurzem.

Nichts wie raus aus Berlin, wo die Leichenwagen fahren.

Das ist ja dies reinste Poesie.

Sie mögen die Küste und die Berge. Übersommern Sie einfach, bis Sie Kanzlerin sind. Ich würde mir die schlechte Laune der Hauptstadt nicht antun. Das Leid der SPD ist nicht Ihr Leid. Nach Mallorca würde ich allerdings nicht fahren.

Was hat er nun gegen Mallorca? Da gibt's doch sehr schöne, ruhige Orte zum Entspannen. Es muss ja nicht immer der Ballermann sein.

Ich würde Urlaub zu Hause machen. Gucken, wie die Sonne über der Ostsee aufgeht und der Fischer hinausfährt und hören, wie der Hahn kräht und der Bauer aufsteht.

Oh ja, die Heimat. Die schöne Heimat.

Ich würde zuhören, was die Menschen beim Abendessen reden und welche Mühe es bedeutet, sich heute als Fischer, Bauer, Handwerker für sich und seine Familie Brot zu beschaffen.

An sich keine schlechte Idee.

In Berlin, liebe Frau Merkel, lernen Sie als zukünftige Kanzlerin nichts – an der Küste, in der Eifel, in den Bergen, lernen Sie alles.

Das ist wieder typisch wagneresque Schwarzweissmalerei. Aber er liebt es halt zu vereinfachen.

Herzlichst,

Ihr kaltes, klares Wasser

Mittwoch, Juni 08, 2005

- Liebe SPD -

Herr W. schreibt:

Liebe SPD,
Selbstzerstörung ist kein Programm und VGH nicht Euer Name–Verein der geprügelten Hunde. Ihr seid eine stolze Partei. Ich will ein spannendes Finale sehen und keinen Spielabbruch.

Was ist das überhaupt für eine Art, als Hypochonder zu Boden zu sinken? Ich habe einen Herzanfall, ich habe ... Ich bin ein ärztlicher
Notstand.

So schlecht sind Eure Karten nicht. Ihr habt einen Schily. Die meisten in unserem Land vertrauen diesem kantigen Mann, der unsere Sicherheit über alles stellt. Ihr habt einen um jeden Job kämpfenden Minister Clement. Und ihr habt Joschka Fischer. Joschka Fischer ist ein ganzer Kerl, der sagt: „Teufel noch eins.“ Diese Typen sind keine medizinischen Notstandshelden.

Kämpft gegen das Mädel, habt Mumm! Feige Jungs kommen nicht in den
Himmel.

Naja, wenigstens der letzte Satz ist etwas wagneresque. Aber ansonsten ist der Brief, wie die meisten in letzter Zeit doch erstaunlich sachlich.

Kaltes, klares Wasser

Dienstag, Juni 07, 2005

- Liebe Frau Christiansen -

Herr W. schreibt:

Liebe Frau Christiansen,
ich kann Ihnen nun auch nicht mehr beistehen, indem ich über die Grazie Ihrer Beine schreibe bzw. Ihre Klamotten, in denen Sie brillieren. Jedes einzelne Stück, selbst Ihre flachen Schuhe, kosten sicher mehr als ich in einem ganzen Monat am Leibe trage.

Bedeutungslos alles, wenn einem niemand mehr zuhört. Ihre Redaktion hatte Sonntagabend das beste aufgetischt, was es zur Zeit an Gegensätzen in Deutschland gibt. Den Kommunisten Gysi, den tragischen Super-Minister Clement, den intelligentesten CDUler Merz und Heinrich von Pierer, von Siemens, den Herrn des Kapitals. Es hätte eine Talkshow werden können, die in die Geschichte eingeht. Es wurde eine Gähn-Show. Die Herren ignorierten Sie. Die Herren antworteten nicht auf Ihre Fragen, die Herren übergingen Sie.

Verehrte Königin der Talkshow, machen Sie doch am nächsten Sonntag diesen Test. Sie stehen einfach auf und verlassen die Runde. Ich wette, daß alle sich glänzend weiter unterhalten – ohne Sie.

Auch hier gibt's quasi nichts zu meckern. Für Ihre Verhältnisse sehr nüchtern, präzise, ohne Pathos und Alt-Männer-Witze. Sie werden doch nicht geheilt sein!?

Herzlichst,

Ihr kaltes, klares Wasser

Montag, Juni 06, 2005

- Lieber Michael Ballack -

Herr W. schreibt:

Lieber Michael Ballack,
ein Kolumnist darf nicht wie eine Wahrsagerin
ekstatisch die Augen aufreißen, obwohl Ihr Auftritt in Belfast, wie BILD schreibt, „ballacktisch“ war, also außerirdisch. Ohne Zweifel sind Sie der beste Fußballer Deutschlands. Aber Sie sind nicht der beste Fußballer der Welt, und Deutschland ist nicht Weltmeister.

Was, wenn Sie nur eine kurzlebige Rose sind? Rosen verfügen über keinen dauerhaften Duft. Sie sind für mich ein kleiner Junge aus Görlitz, Sachsen, der als 7jähriger zum erstenmal beim BFG Motor Karl-Marx-Stadt gekickt hat. Über Nacht wurden Sie der Kapitän der Nationalmannschaft und sind die Rose von Deutschland.

Ich glaube, daß kein Mensch weiß, was es bedeutet, die Hoffnung der Politik, der Wirtschaft, die Hoffnung von 80 Millionen Deutschen zu sein. Ich könnte als Michael Ballack keinen Ball mehr treffen. Was ich meine ist, daß wir Michael Ballack in Ruhe lassen sollen, wir dürfen ihn nicht totküssen.
Scheint als würde Herr W. momentan etwas schwächeln oder auf Entzug sein. Jedenfalls sind seine unpolemischen Briefe einfach nur langweilig.

Kaltes, klares Wasser

Freitag, Juni 03, 2005

- Liebe Sarah Connor -

Herr W. schreibt:

Liebe Sarah Connor,
Ihr „Brüh im Lichte dieses Glückes“ wird ein Hit werden, ein Gaudi-Song in Bierzelten – und wissen Sie, warum?


Unsere Nationalhymne ist so heilig oder unheilig wie die Erkennungsmelodie der Sesamstraße. Ich bin doppelt so alt wie Sie. Mir wurde Patriotismus und Stolz auf Deutschland – wenn Sie so wollen, Chauvinismus – als Kind ausgetrieben. Ich lernte nie, die Fahne oder das Lied zu lieben.

Was kein Wunder ist, liebe Sarah. Nazi-Deutschland hatte soviel Schande
auf sich geladen. So viele Leute, die auf der falschen Seite standen, zweimal
auf der falschen Seite, Nazi und Stasi.

Kleine Sarah, Du hast Dich beim Deutschland-Lied versungen. Aber Du hast eine ernste Debatte entfacht. Wie wichtig ist das Lied der Deutschen? Zynismus, Ironie, Verachtung oder die Hand auf das Herz?


Heute gibt's nicht viel zu meckern. Klingt ja richtig normal: ohne Pathos, ohne Gesülze. Und ohne Alt-Herren-Phantasien. Also Herr W, es geht ja doch!

Herzlichst,

Ihr kaltes, klares Wasser