Post aus Schwallistan

Bemerkungen und Analysen zu den schriftlichen Ergüssen des Herrn Franz-Josef Wagner aus der Bild-Zeitung.

Donnerstag, Juni 02, 2005

- Lieber Marcel Reich-Ranicki -

Herr W. schreibt:

Lieber Marcel Reich-Ranicki,
ein Geburtstagsbrief zum 85. an den Gebieter über das kluge Wort – na, mal sehen, wie ich den hinkriege.

Da sind wir aber alle gespannt!

Der Brief ist deshalb so schwer, weil mir die Schriftsteller schrecklich leid tun. Die plagen sich derart ab und sehen derart albern aus, wenn Sie, Reich-Ranicki, sie verreißen – oder schlimmer, sie überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen.

Ist das nicht die Existenzberechtigung von Kritikern? Dass sie zb Bücher analysieren, sezieren und dann urteilen? Natürlich sind diese Urteile subjektiv und können falsch sein, aber ein einziger Verriss wird ein qualitativ hochwertiges Buch nicht untergehen lassen.

Mir persönlich, lieber Marcel Reich-Ranicki, geht das Künstler- und Intellektuellen-Getue eh am A... vorbei, inklusive Bestseller-Listen.

Wieso? Weil Sie dort nicht mithalten können? Oder weil ihr Proll-Getue nicht mit Intellektuellen-Getue kompatibel ist?

Ich mag zum Beispiel die Texte in BILD, sie strotzen von Lebens-Echtheit und sind keine Wolkenkuckucksheimer.

Das ist wie wenn ein Mercedes-Fahrer sagt dass er Mercedes mag ... Was für eine Überraschung! Und welch objektive, wertvolle Aussage! Lebens-Echtheit? Das mag stimmen, wenn die Mehrheit wirklich alles Prolls sind.

Alter, großer Mann, Sie können über Goethe, Schiller in den Hinterzimmern der Talkshows der FAZ und SZ fabulieren. Einen modernen Dichter, einen Helden der Sprache von heute, haben Sie uns nicht empfohlen.

Es hat aber auch noch nie geschadet die Klassiker zu kennen. Auf der anderen Seite gibt es aber natürlich auch heute grosse Autoren. Und diese nicht zu erwähnen oder anzuerkennen zeigt sicher die Grenzen eines Reich-Ranicki auf.

Happy Birthday, König der Kritiker. Mein Geburtstagsbrief an Sie scheint boshaft, aber er ist nur traurig.

Fragt sich nur ob er nicht auch wieder vor Selbstmitleid trieft ...

Herzlichst,

Ihr kaltes, klares Wasser